Bürogebäude ohne Lüftung, Heizung und Kühlung 

Energetisches Bauwunder

In der schweizerischen Gemeinde Emmen entsteht ein Verwaltungsgebäude mit einem innovativen Energiekonzept. Der prägnante Neubau wurde vom Architekturbüro Baumschlager Eberle Architekten geplant. Foto: Gemeinde Emmen

Ein Bürokomplex, der ohne Heizung, mecha­nische Lüftung und Kühlung auskommt, das klingt nach Zukunftsmusik. Nicht in der schweize­rischen Gemeinde Emmen. Dort entsteht derzeit ein Gewerbe- und Verwaltungsgebäude mit einem innovativen Energiekonzept – ein Novum im Land der Eidgenossen. Seine Architektur bewegt sich im Spannungsfeld zwischen alt und neu. Verantwort­lich für die Umsetzung des energetischen Bauwun­ders sind das Architekturbüro Baumschlager Eberle Architekten aus Lustenau (Österreich) und der Lu­zerner Bauherr, die Brun Real Estate AG.

Zeitgerechte und wirtschaftliche Lösung

Das ehemalige Emmener Verwaltungsgebäude, ein 1911 errichteter, sogenannter Crinolbau ist stark sanierungsbe­dürftig. Das teilweise mit Spannvorrichtungen zusammen­gehaltene Bauwerk kann nicht mehr effektiv genutzt wer­den. Dieser Umstand veranlasste die Gemeinde eine Studie für die künftige Entwicklung des Gebäudes in Auftrag zu geben. Um den großen Ansprüchen an den Neubau ge­recht zu werden, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, der eng durch die Kommune Emmen und die Kantonale Denkmalpflege begleitet wurde – mit dem Ziel, eine zeit­gemäße und wirtschaftliche Lösung zu finden. „Das Sieger­projekt hat am meisten überzeugt, weil es innovativ und energetisch sinnvoll ist. Außerdem hebt es sich von der Masse ab und entspricht dem Zeitgeist sowie dem nachhal­tig ökologischen Wandel“, begründet Adrian Brun, Inhaber der Brun Real Estate AG, die Wahl des Siegerentwurfs von Baumschlager Eberle Architekten.

Ausgeklügelte Regelungstechnik

Das Beachtliche an dem Neubau mit vier Vollgeschossen und einem Dachgeschoss ist, dass weder Heizung noch mechanische Lüftung oder Kühlung eingebaut werden. Dennoch herrscht im Gebäudeinneren stets eine ange­nehme Raumtemperatur. Wie das funktioniert? Die Außen­wände sind fast 80 cm dick und verfügen über einen zwei­schaligen Wandaufbau. Dieser garantiert sowohl eine hohe Druckfestigkeit als auch eine effiziente Isolierung. Dadurch weist das Bürogebäude eine sehr gute Wärmedämmung auf. Beheizt wird es ausschließlich durch die Abwärme der Menschen im Komplex, der Computer, der Leuchten und der eingesetzten Geräte. Bei sommerlicher Hitze dagegen werden die Räume nachts mit Zugluft gekühlt. Eine ausge­klügelte Regelungstechnik betätigt Klappenlüftungen und sorgt für eine optimale Luftqualität. Die Innentemperatur wird durch thermische Speichermassen konstant gehalten.

Der Crinolbau im Industriegebiet Emmenweid ist ein be­deutender Zeitzeuge der Geschichte der schweizerischen Gemeinde Emmen. Bei dem Gebäude handelt es sich um eine Mischkonstruktion mit Sichtbacksteinmauern sowie einer inneren Tragkonstruktion aus Eisen und Holz. Das mächtige Walmdach, bestehend aus vier Dachflächen, prägt seinen Charakter. Diesen historischen Merkmalen soll der Neubau gerecht werden. Die Wuchtigkeit der Außenwände des geplanten Baus erinnert deshalb stark an den Späthistorismus des 19. Jahrhunderts und insbesondere an die Jugendstilzeit.

Der Neubau soll nicht nur der Verwaltung Platz bieten, sondern auch Gewerbetreibende anziehen. Für das Erdgeschoss sowie den ersten und zweiten Stock wurden bereits Mieter gefunden: ein Baudienstleister und eine Bildungsinstitution. Baudirektor Josef Schmidli ist überzeugt: „Das Gebäude setzt ortsbaulich und architektonisch den Grundstein für die mögliche Entwicklung auf dem gesamten Areal.“

Ein solches Projekt wurde weltweit erst einmal verwirklicht: In Lustenau realisierten Baumschlager Eberle Architekten im Jahr 2013 bereits ein ähnliches Bürogebäude. Dieser Bau diente energetisch als Prototyp und trägt den Namen 2226, weil die Innentemperatur stets im Bereich zwischen 22 und 26 °C gehalten wird.

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